Sibirien
Sibirische Wildniss - grenzenlose, unberührte Natur


Russland: 12.000 km im Schwerlastverkehr

Drei Phänomene fallen dem Reisenden, aus dem dicht bevölkerten Mitteleuropa kommend, bei einer Fahrt durch Russland sofort auf: der extrem dichte Lastwagenverkehr auf den Magistralen, der sich in den Nachtstunden noch verstärkt; die menschenleere, wildnishafte Natur, die sich unmittelbar vom Strassenrand bis ins unergründlich Weite hin erstreckt; und die geschäftigen, modernen Großstädte als Zivilisationsinseln inmitten der Widnis.

Birkenwald
Nachtplatz im Birkenwäldchen


Hat man die tägliche 500 km-Etappe auf Strassen recht unterschiedlicher Qualität unfallfrei hinter sich gebracht, freut man sich schon auf einen Übernachtungsplatz in der Natur. Doch so leicht ist es nicht, etwas Passendes zu finden! Bis in den Mai hinein ist der Boden noch tief verschlammt. Im Sommer steht das Gras in den Wiesen mindestens hüfthoch. Myriaden von Mücken, Bremsen und riesigen, agressiven Pferdefliegen machen einen Aufenthalt unmöglich. Am besten man sucht sich kurzbewachsene Trockenwiesen (so vorhanden), um einigermaßen unbehelligt zu übernachten. Sumpfwiesen mit jenen lilafarbenen Blumen wie im Titelbild oben zu sehen, sind zum Aufenthalt absolut ungeeignet! Erfolgversprechend ist, wenn man den von der Hauptstraße wegführenden Feldwegen folgt (die freilich auch verschlammt sein können) und sich am Rande ausgedehnter Getreidefelder ein Plätzchen sucht.

Es kann schon vorkommen, daß man erst nach mehrmaligem Anlauf einen geeigneten Übernachtungsplatz findet, wie im oben abgebildeten Birkenwäldchen zwischen Biysk und Gorno-Altaysk, zum Beispiel. Aus purer Verzweiflung sind wir dieser schwachen Spur durch hohes Gras gefolgt und erwarteten schon das Schlimmste. Als erstes wurden daher gleich die Mückenvorhänge angebracht. Groß war aber unser Erstaunen, daß dieser Platz praktisch mückenfrei war!


Hauptstrasse durch die Taiga
Einsame Strasse abseits der Magistrale


Verläßt man die Hauptdurchgangsstraßen (Magistralen), so läßt der Verkehr merklich nach, ja es kann sogar etwas einsam werden, wie hier zwischen Kazan und Igra an der P242. Nördlich der Straße durch die Udmurtskische Republik, mit ihren wenigen ärmlichen Dörfern, gibt es nur mehr Wald und Sumpf, die in der Polarregion in Tundra und Permafrostboden übergehen. Der Blick auf die Landkarte läßt einen erschauern. Von Tobolsk im Regierungsbezirk Tyumen führt nur eine einzige 'Strasse' nach Nordosten, nach Surgut. Auf beiden Seiten, bis ins Unendliche sich hinziehend, Sumpf.

So ähnlich wie diese Landstraße sieht es zwischen Irkutsk und Tayshet in Sibirien immer noch aus. Mit einem riesen Aufgebot an Baumaschinen ist man aber gerade dabei, diesen letzten 250 km langen ungeteerten Abschnitt der M53 durch die Taiga neu zu trassieren und zu asphaltieren. Bis es soweit ist, muß man sich eben durch den Schlamm der Baupisten wühlen...


Vyatka
Warten an der P242 auf die Fähre über die Vyatka


Ein langer Artikel in der SAUDI ARAMCO world, die sich mit Kunst und Kultur des Islam befasst, machte uns neugierig auf Kazan, Hauptstadt der Republik Tatarstan. Man legt hier sichtbar großen Wert auf die Betonung einer eigenen, unabhängigen, islamischen Identität innerhalb Russlands.

Gegründet vor über 1000 Jahren durch Tatarenvölker mongolischen Ursprungs, wiederholt blutig eingenommen von russischen Herrschern, bietet Kazan heute ein gemischtes Erscheinungsbild. Einerseits der als UNESCO Welterbe geschützte Kreml aus dem 16. Jahrhundert und die großzügigen neuen Viertel aus sowjetischer Zeit, andererseits die bescheidenen Gässchen im tatarischen Teil der Stadt und die protzige, neue, von Saudi Arabien (!) finanzierte Moschee, die man demonstrativ im Herzen des Kremls errichtete.


Kazan Kreml
Der Kreml in Kazan, Hauptstadt der Republik Tatarstan


Mit viel Aufwand werden die alten repräsentativen Gebäude der Innenstadt renoviert. Das Erreichte kann sich durchaus sehen lassen. Dennoch macht die Stadt einen etwas düsteren, keinesfalls jedoch einen sehr einladenden Eindruck.


Hotel Tatarstan
Nicht sehr attraktiv: Zentrum von Kazan


Bei einem Spaziergang durch den 'russischen' Teil Kazans, trifft man unweigerlich auf ein graues Hochhaus im sowjetischen Stil, das Physikinstitut der Universität. Es ist umgeben von altehrwürdigen Bauten der unterschiedlichsten Fakultäten. Die Bauhistorie kann bis zur Gründung der Universität im Jahre 1801 zurückverfolgt werden. Auch hier sind liebevolle Restaurierungsarbeiten im Gange.


Universität Kazan
Universität Kazan, gegründet 1801


Kazan hat uns also nicht so gefallen. Immerhin sind wir günstig im Ibis Hotel untergekommen. Es gab auf diesen Reisen durch Russland im Sommer 2012 aber noch andere Städte, das sibirische Krasnoyarsk zum Beispiel oder Ulan Ude, Hauptstadt der Republik Burjatien, die wir als wenig attraktiv empfanden. Bei weitem am deprimierendsten aber ist Ufa, die Hauptstadt der Republik Baschkortostan: öde, traurig und voll sowjetischem Provinzialismus. Wie lebendig und angenehm hingegen Städte wie Ekaterinenburg am Ural, Irkutsk und Omsk in Sibirien, Samara an der Wolga und besonders Rostov am Don! Alles Städte, deren Zentrum geprägt wurde in Zeiten als es die UdSSR noch gab: Breite Alleen, prächtige Regierungsgebäude, weite Plätze und wunderschöne Parkanlagen.


Omsk
Abseits des Verkehrstrubels: Entspannung in einem Omsker Park


Babuschkas
Man hat sich viel zu erzählen. Das Geschäft läuft nur so nebenbei...


Hat man erst einmal die weitläufigen modernen Omsker Neubauviertel hinter sich gelassen, findet man sich wieder im dichten Schwerlastverkehr auf der Magistrale M51. Glücklicherweise kann nahezu jede Großstadt auf einer gut beschilderten Umgehungssstraße großräumig umfahren werden. Das erspart Zeit und Nerven, denn eine Verkehrsleitung bei der Durchfahrt durch die ausgedehnten Großstädte fehlt zumeist.

Novosibirsk, Barnaul, Biysk und Gorno-Altaysk sind die weiteren Stationen auf der Fahrt zur mongolischen Grenze. Gorno-Altaysk, die sehr bescheidene Hauptstadt der Republik Altay, ist komplett auf den inländischen Tourismus eingestellt. Mehrere Skipisten enden fast im Ortszentrum, das Angebot an Reisebüros ist beträchtlich. Durch Hinweise und Warnungen im Lonely Planet Reiseführer, die sich als völlig irreführend herausstellten, sahen wir es als ratsam an, unsere Pässe registrieren zu lassen. Dies wäre die Voraussetzung, uns frei in der Republik Altay bewegen zu können. Mit freundlicher Unterstützung des Reisebüros Aguna war dies auch nach bereits 2 Stunden erledigt.


Tour-Firma Aguna
Gorno-Altaysk:
Tour-Firma Aguna im Bürozentrum an der Tschoros Gurkina 39/8


Seit Novosibirsk folgten wir der Magistrale M52, auch 'Chuysky Trakt' genannt. Sie wurde in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts von Gulag-Häftlingen gebaut und endet an der Grenze zur Mongolei hinter Taschanta, nachdem sie durch malerische Täler mit Panoramablick auf die höchsten Gipfel des Altai (über 3.700 m) führt und am Ende 2500 m Seehöhe erreicht. Für die unzähligen Russen, die hier Urlaub machen, ist das Altay sicher eine ganz außergewöhnliche Landschaft. Sie nehmen offensichtlich gerne die schlimme Mückenplage in Kauf und ignorieren unübersehbare Warnschilder, die nachdrücklich vor der Gefahr durch die weit verbreiteten Zecken warnen.


im Altay
Beliebtes Camping- und Erholungsgebiet am Chuya-Fluss im Altay


Die Altay Region ist nur sehr schwach besiedelt und verkehrsmäßig wenig erschlossen. Die ersten Zeugnisse menschlichen Lebens im Altay sind 40.000 Jahre alt. Vor nicht allzu langer Zeit fand man auch eine bestens erhaltene Eiszeitmumie ähnlich dem 'Ötzi'. Turkvölker und Mongolen besiedelten das Altay. Russen drängten nach und bilden heute die Mehrheit der Bevölkerung. Der angesehene russische Forscher und Philosoph Nicholas Roerich berichtet in seinem Werk 'Heart of Asia' (1930) ausführlich über den 'Melting Pot of Nations', als den er das Altay bei seinen ausgedehnten Reisen kennengelernt hatte. Vor allem die unterschiedlichsten Gruppen russischer Altgläubiger fanden im Altay Zuflucht.


Dorf im Altay
Kleines russisches Dorf am Chuysky Trakt


Unmerklich langsam steigt die M52 aus dem Tal der Chuya hinauf auf die weiten welligen Hochflächen, die erst an der kontinentalen Wasserscheide, kurz hinter der mongolischen Grenze, auslaufen. Am Ausgang des regsamen Ortes Kosh-Agach, am Rande einer steppenartigen Ebene gelegen, heißt es für uns: STOP! Ein Schlagbaum verhindert die Weiterfahrt in die Grenzregion. Freundlich werden die Pässe kontrolliert. Ja, das mongolische Visum ist eingetragen, wir können weiter. Gute Fahrt! Vorher sollte hier aber noch einmal aufgetankt werden, denn die nächste akzeptable Tankstelle erreicht man erst in Ölgii nach 200 km Piste.


Kosh-Agach
Dorfgasse in Kosh-Agach, 70 km vor der mongolischen Grenze


Tankstelle vor Taschanta
Hier besser nicht tanken! Schlechtes Diesel und Beutelschneiderei in Taschanta


Wir waren schon gespannt darauf, zu sehen, was sich hinter dem Namen 'Taschanta' verbirgt, dem Tor zur Mongolei. Was wir vorfanden, war ernüchternd: eine kleine Moschee, ein paar bescheidene Holzhäuser, ein winziger Laden ('Magazin') und ein hölzernes Klohäußchen. Das war's dann schon. 200 Meter weiter, hinter einem haushohen Zaun mit einer Wachstube, ein neuerrichtetes, sehr repräsentatives Grenzabfertigungsgebäude. Der Abfertigungsbereich aber gähnend leer. Eine freundliche Grenzbeamtin klärte uns auf: die Mongolen feiern Nadam-Fest, die Grenze bleibt zwei Tage lang geschlossen!


Taschanta
Am Rande der wenigen Häuser von Taschanta die kleine Moschee


So suchten wir uns also in der näheren Umgebung einen angenehmen Platz, auf dem wir es zwei Tage gut aushalten konnten: eine duftende Kräuterwiese mit phantastischem Ausblick auf die bis Kosh-Agach reichende Steppenebene und die sanften Bergen in Richtung Tuva.


nahe Taschanta
Nahe Taschanta: Warten auf die Grenzöffnung


Die Ruhetage hatten wir uns ehrlich verdient, nach all dem Dieselqualm und den stressigen Verkehrssituationen auf den russischen Überlandstraßen. Das Wetter war angenehm, wir genossen die ungestörte Ruhe und bereiteten uns auf den neuen Reiseabschnitt Mongolei vor. Auch hier packten wir wie gewohnt mit Einbruch der Dunkelheit alle Sachen soweit zusammen, daß das Auto abfahrtbereit war. Das sollte sich diesmal wirklich bezahlt machen!

Am Abend vor unserem Grenzübertritt gingen wir schon sehr bald schlafen, um ganz früh am Morgen aufzustehen, damit wir unter den ersten der in der Schlange vor dem Tor am Grenzübergang wartenden Fahrzeuge sein würden. Es war schon stockfinstere Nacht, als ein Fahrzeug mit voll aufgeblendeten Scheinwerfern direkt neben uns vorbei fuhr und nach etwa 50 m Halt machte. Das schien sehr verdächtig. So beobachteten wir, was sich da tat. Der Fahrer stieg aus, machte sich ein Feuer und schien auf etwas zu warten. Vielleicht auf ein zweites Fahrzeug? Und warum gerade hier in unserer Nähe, mitten in der Nacht?

Um kein Risiko einzugehen, beschlossen wir daher einen 'Blitzstart'. Eingepackt war ja alles. Der Motor sprang sofort an und schon ging es über Wiesen zum 5 km entfernten Taschanta. Der Fahrer des verdächtigen Wagens hatte das wohl nicht erwartet, und es dauerte eine Weile bis er in gehörigem Abstand hinter uns herjagen konnte. Er gab erst auf, als wir uns in die am Grenztor wartenden Fahrzeuge eingereiht hatten. Natürlich lag der Gedanke an einen geplanten Überfall nahe. Später kam uns dann in den Sinn, daß es sich eventuell um ein Geheimdienstfahrzeug hätte handeln können, das unser 'verdächtiges Treiben' in der Nähe des Grenzzaunes beobachten sollte...









Mit unserer vorzeitigen Ausreise aus der Mongolei bei Kyachta setzten wir nun alle Hoffnungen auf eine durchgreifende Wetterbesserung westlich des Urals. Bis dahin waren aber noch 4500 Kilometer durch Sibirien zu bewältigen. Und tatsächlich, die Regenschauer verfolgten uns noch viele Tage und hörten erst hinter dem Ural bei strahlenden Sonnenschein und Temperaturen über 35 auf. Unbeschwertes Übernachten in der Natur war endlich wieder möglich, obwohl die schlammigen Feldwege beredtes Zeugnis darüber ablegten, daß der Einzug des heißen Sommers vor nicht allzu langer Zeit erst stattgefunden haben muß.

Einer alten Tradition folgend, schlugen wir unser Nachtlager auch diesmal wieder am Hochufer des Don bei Kalasch auf. Das Kriegerdenkmal aus dem 2. Weltkrieg wird immer noch gepflegt und erinnert an die vielen Menschen, die hier in einem sinnlosen Krieg ihr Leben lassen mußten.



am Don
Wiedersehen mit dem Kriegerdenkmal bei Kalasch am Don


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